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Der Job der Lohnschreiber

  • Montag, 6. Mai 2019 @ 22:07
Meinung
Leo Furtlehner über Sparverhalten, Medien und Banken

27,3 Prozent der Haushalte und 33 Prozent der Frauen haben keine Ersparnisse und müssen froh sein, wenn am Monatsende kein Minus am Konto steht. Für OÖN-Redakteur Dietmar Mascher ist dies Anlass „mehr Finanzbildung“ zu fordern (OÖN 26.3.2019). Da ist wohl noch nicht ins Hirn eines hochbezahlten Schreiberlings vorgedrungen, dass die beste „Finanzbildung“ nichts nützt, wenn mangels Einkommen nichts auf die hohe Kante gelegt werden kann.

Laut Umfrage von Swiss Life Select sparen die Oberösterreicher_innen monatlich im Schnitt 200 Euro (OÖN, 12.4.2019). Vorwiegend via Bausparer, Sparkonto und „zu Hause“ – nämlich im Sparstrumpf, in der Kaffeedose oder unter dem Kopfpolster. Bei Männern sind es 220, bei Frauen nur 150 Euro – was auch der üblichen Einkommensdifferenz entspricht. Fünf Prozent können überhaupt nichts sparen. Ein Viertel – Frauen sogar 27,7 Prozent – haben für einen Notfall keine tausend Euro übrig, ohne Schulden zu machen, sind also faktisch „chronisch pleite“.

Der Zweck der Umfrage ist aber nicht selbstlos und schon gar nicht Bemühungen geschuldet, die finanzielle Situation der Haushalte zu verbessern. Vielmehr werden die Finanzmuffel gerügt, dass sie nicht spekulative Wege, vor allem durch den Kauf von Aktien, beschreiten. Zynisch wird das mit Sagern wie „Die Oberösterreicher sparen sich folglich arm“, so Andreas Redhammer (Swiss Life Select) kommentiert.

Das klassische Sparen ist derzeit absolut out: Dafür sorgt die Europäische Zentralbank mit ihrer Nullzinspolitik. Während die Sparer_innen enteignet werden, profitieren davon Unternehmen und Investoren in Form billiger Kredite oder sogar von Negativzinsen. Dass dies vielfach dazu genutzt wird, Immobilien auf Pump zu kaufen und eine Zinserhöhung diese Blase zum Platzen bringen würde, verdeutlichte Josef Urschitz (Die Presse, 1.4.2019).

Die höchst ungleiche Vermögensverteilung in Österreich ist mittlerweile zwar kein Geheimnis mehr. Das Bewusstsein in Politik, Medien und Finanz ist freilich resistent gegen diese Tatsache. Da wird völlig konträr das Niedrighalten von Einkommen, die Senkung von Lohnnebenkosten – also Ausfälle für das Sozialsystem – oder Steuerprivilegien für hohe Einkommen – Familienbonus oder die Regierungspläne für eine Steuerreform - bejubelt.

Die Politik orientiert sich zunehmend an der Mittelschicht, auch die SPÖ hat mittlerweile die Schwächeren faktisch aufgegeben. Dass diese Mittelschicht zwar nach oben strebt, faktisch aber nach unten abrutscht gehört zur Politik des „Teile und herrsche“ der Mächtigen. Aber wehe, die Deklassierten begehren auf, wie etwa in Deutschland, wo Mieten in den Großstädten immer weniger leistbar werden und der Ruf nach Enteignung der Immobilienhaie laut wird.

Da treten umgehend die Lohnschreiber des Kapitals auf den Plan. Etwa Dietmar Mascher (OÖN, 11.4.2019), der über „Enteignung und plumper Populismus“ lamentiert. Nun sind wir in Österreich – dank hohen Anteils von Gemeinde- und Genossenschaftswohnungen – noch nicht so weit, aber der Trend geht trotzdem in Richtung „deutscher Zustände“ am Wohnungsmarkt. Das darf freilich die hartgesottenen Neoliberalen nicht erschüttern, ihr Job ist es, die Privilegien von Banken, Konzernen und Millionären zu verteidigen.