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Verändern, um zu gewinnen

  • Samstag, 8. Juli 2006 @ 20:45
Meinung Von Michael Schmida

Die momentane Krise der österreichischen Gewerkschaften zeigt auch, dass es sich um eine strukturelle Krise handelt, die nicht mit personellen Rochaden oder kleinen Korrekturen behoben ist. Eine grundlegende Erneuerung muss her, die den tief greifenden gesellschaftlichen Wandel aufnimmt, die Organisationsstrukturen radikal demokratisiert und (neue) Formen des Engagements der Mitglieder fördernd entdeckt. Die Gewerkschaftsbewegung der Vereinigten Staaten hat, trotz oder vielleicht gerade wegen einem ungleich schwierigeren Umfeld, viele dieser Reformen schon seit längerem eingeleitet bzw. bereits umgesetzt. Ein Blick über den Atlantik lohnt sich also. Nebenbei kann ein solcher Blick auch dazu beitragen, vereinfachendes Denken und dumpfen Antiamerikanismus abzubauen.

Dass eine Erneuerung der Gewerkschaften nicht immer konfliktfrei abläuft zeigen auch die dortigen Entwicklungen: Im Sommer 2005 spalteten sich einige wichtige und mitgliederstarke Gewerkschaften vom Dachverband AFL-CIO (American Federation of Labor – Congress of Industrial Organizations) ab und gründeten einen neuen Verband mit dem Namen „Change to Win“ (CTW). In CTW versammeln sich die VorreiterInnen für Veränderung, denen die Reformen des alten Verbandes nicht weit und schnell genug gingen.

Zu einem der wichtigsten aber auch strittigsten Anliegen des neuen Gewerkschaftsverbands zählt eine Strukturreform, die der Zersplitterung und Konkurrenz zwischen verschiedenen Gewerkschaften Einhalt gebieten soll und verstärkt auf Branchenzuständigkeit setzt. Die meisten US-amerikanischen Gewerkschaften haben sich nämlich durch zahlreiche Fusionen und opportunistischen Organisationsbemühungen zu „general unions“ (Gewerkschaften für alle Berufe und Branchen) entwickelt.

Bestes Beispiel hierfür ist die berühmt-berüchtigte Transportgewerkschaft IBT (International Brotherhood of Teamsters), die seit 1999 von James P. Hoffa Jr. geführt wird. Obwohl sie nun auch zu „Change to Win“ zählt, sind dort Beschäftigte der unterschiedlichsten Branchen, vom „Airlinepiloten bis zum Zoobeschäftigten“ organisiert. Deshalb fordert auch eine treibende innovative Kraft von CTW, die Dienstleistungsgewerkschaft SEIU (Service Employees International Union), mehr Kompetenzen für den Dachverband in Bezug auf Gewerkschaftsfusionen.

Die große Stärke der US-amerikanischen Gewerkschaftsbewegung liegt aber im sog, „Organizing“. Aufgrund der in Vergleich zu Europa für Gewerkschaften weitaus schwierigeren politischen Verhältnisse und den daraus resultierenden geringeren institutionellen Verankerungen sind sie in ungleich höherem Maße gezwungen Kampagnen zur Mitgliederwerbung und –mobilisierung zu betreiben. Dies schließt mit ein, dass neue, traditionell kaum gewerkschaftlich erschlossene Wirtschaftsbereiche, die Bereiche der prekär Beschäftigten und der MigrantInnen schon seit einiger Zeit fixer Bestandteil von Organisationsbemühungen sind. Eine solche Strategie hat vor allem dort Erfolge gezeigt, wo sie in eine längerfristige Mitgliederbeteiligung und –betreuung mit demokratischen Entscheidungsprozessen eingebettet ist und nicht nur nach kurzfristiger Werbung neuer Mitglieder Ausschau hält.

Auch das traditionelle Nahverhältnis zur Demokratischen Partei der USA wird vor allem vom neuen Dachverband eher kritisch gesehen. CTW will auf größere Distanz zur Partei gehen und hat weitere Kürzungen der in den USA üblichen Wahlkampfspenden bereits angekündigt.

Ob insgesamt der nun vollzogene Bruch die US-Gewerkschaftsbewegung zu einem neuen Aufbruch führt, kann zum heutigen Zeitpunkt noch nicht eindeutig beantwortet werden. Mit der Trennung erleichtern sich jedoch für aktive, strategisch innovative Gewerkschaften die Chancen radikale strukturelle Veränderungen weiter voranzutreiben. Auch wenn sich die Konflikte nicht nur im Bruch mit dem alten Gewerkschaftsverband AFL-CIO widerspiegeln, sondern schon auch im neuen CTW weiter bestehen. Etwa zwischen dem eher strukturkonservativen „Außenseiter“ IBT und den anderen, weiter links stehenden Gewerkschaften.

Sicher ist auch, dass es allein mit Konzentrationsbemühungen in strategisch wichtigen Branchen und der Reduktion zersplitterter, gegenseitig konkurrierender Einzelgewerkschaften nicht getan ist. Das zeigen auch europäische Erfahrungen. Aber wie so oft liegt die Kunst in der richtigen Übernahme und Adaption auf die politischen und kulturellen Bedingungen vor Ort. Dies kann nicht verordnet oder von oben gesteuert werden, sondern muss in einem Veränderungsprozess unter breiter Beteiligung aller Mitglieder erreicht werden. Dies gilt für die Gewerkschaften in den USA ebenso, wie noch viel mehr für jene hierzulande.

Michael Schmida ist Betriebsrat bei Integanet in Traun